Eine neue Studie von ShipIn Systems und NorthStandard zeigt, dass die Risiken in der Seeschifffahrt ungleichmäßig auf die Schiffe verteilt sind. Laut dem Maritime Risk Report 2026 entfallen auf etwa 29 % der Schiffe fast 70 % der registrierten Unfälle.
Die Autoren der Studie sind der Ansicht, dass dieses Ergebnis die Wirksamkeit einheitlicher Ansätze zur Flottensicherheit infrage stellt. Stattdessen sollte ihrer Meinung nach zunächst den Schiffen besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, bei denen das größte Risiko konzentriert ist.
Alltägliche Abweichungen als Frühwarnsignale
Wie im Bericht hervorgehoben wird, beginnen Seeunfälle oft lange vor dem eigentlichen Vorfall. Das Risiko kann sich in kleinen, aber wiederkehrenden Abweichungen von sicheren Verfahren im Arbeitsalltag der Besatzung zeigen.
Zu diesen Signalen gehören eine während des Ankerns unbeaufsichtigt gelassene Brücke, die Nutzung eines Mobiltelefons während des Wachdienstes, Verstöße gegen die Anforderungen an persönliche Schutzausrüstung sowie unsichere Verfahren an Deck.
Ein einzelner Verstoß wirkt nicht immer kritisch. Seine regelmäßige Wiederholung kann jedoch darauf hindeuten, wie ein Schiff tatsächlich betrieben wird und wo sich betriebliche Risiken ansammeln. Auf einigen Schiffen können solche Signale tausende Male im Jahr festgestellt werden.
Nach Ansicht der Studienautoren wird die Sicherheit zu häufig erst nach einem Vorfall bewertet. Dabei können Anzeichen für Risiken deutlich früher erkennbar sein – im täglichen Betrieb. Wenn Betreiber sehen, wo sich solche Verhaltensmuster herausbilden und auf welchen Schiffen sie sich konzentrieren, können sie Maßnahmen ergreifen, bevor es zu einem Unfall kommt.
Herausforderungen für die maritime Branche
In einem exklusiven Interview mit SAFETY4SEA wies Osher Piri auf mehrere miteinander verbundene Probleme der Branche hin. Dazu gehören der anhaltende Mangel an qualifizierten Besatzungsmitgliedern, der die Arbeitsbelastung und die betrieblichen Risiken erhöht, der zunehmende regulatorische Druck in den Bereichen Sicherheit, Emissionen und ESG-Berichterstattung sowie die Fragmentierung von Daten in veralteten Systemen.
Fragmentierte Informationen können effektive Entscheidungen auf Flottenebene erschweren. Bis es zu einem Unfall kommt, können die entsprechenden Verhaltensmuster bereits über Wochen oder Monate bestehen, ohne ausreichend verständlich, rechtzeitig erkennbar oder miteinander verknüpft zu sein, damit Besatzung und Teams an Land eingreifen können.
Im Bericht wird betont, dass das Sicherheitsmanagement vom Reagieren auf Vorfälle zur Erkennung von Risiken übergehen kann, die sich im täglichen Betrieb herausbilden. Ein früheres Eingreifen kann die Besatzungen unterstützen, die Zahl der Unfälle und Schadensforderungen senken und den Betreibern mehr Kontrolle über die Risiken in der gesamten Flotte geben.
Wie Colin Gillespie, globaler Leiter des Bereichs Schadenprävention bei NorthStandard, hervorhob, verfügt die Branche über eine beträchtliche Menge an Betriebsdaten. Die zentrale Aufgabe besteht darin, diese in rechtzeitige und praktische Maßnahmen umzuwandeln. Wenn Schiffs- und Landteams dieselben verifizierten Daten sehen, können sie gemeinsam auf entstehende Risiken reagieren und eine proaktive Sicherheitskultur stärken.
Die Feststellung, dass etwa 29 % der Schiffe mit 70 % der registrierten Unfälle in Verbindung stehen, hat somit praktische Bedeutung für Flottenmanager: Die Ermittlung von Schiffen mit erhöhtem Risiko kann zu einer Priorität bei Präventionsmaßnahmen werden.